Die Mobbinggeschichte 

Habe diesen Text halb fertig geschrieben und merke, ich brauche einen Disclaimer am Anfang. 1. Es kommen hier bestimmt demnächst wieder fröhliche Geschichten, denn mir geht es wirklich gut zur Zeit. Man ist halt inspirierter bei düsteren Gedanken. 2. Für Leute, die dabei waren, ist es vielleicht merkwürdig/irritierend/traurig zu lesen, dass mich das Thema nach so langer Zeit immer noch beschäftigt. Ich habe einfach heute gemerkt, da schwelt noch so viel, was ich nie in Worte gefasst habe, und dafür wird es mal Zeit. Es dauert sowieso, bestimmte Erlebnisse zu verarbeiten oder loszulassen, und bei diesem hier habe ich mir nie sonderlich Mühe gegeben – daher diese Geschichte jetzt so spät. Ich habe mir das jetzt endlich mal von der Seele geschrieben und das tat mal so richtig gut. Den Text hier zu veröffentlichen stellt lediglich einen weiteren Schritt für die Verarbeitung dar.

(Edit: Wie später im Text vermutet hat meine Mutter das alles in ganz anderer Erinnerung als ich und hat mit eine lange rührende Mail geschrieben. Da standen ein paar Sachen drin, die ganz wichtig für mich zu wissen sind, und ein paar inhaltliche Anmerkungen. Daher habe ich den Text hier und da noch einmal angefasst, hinzugefügt und deutlicher gemacht. Ist alles gekennzeichnet. 🙂 )

Diese Story ist eigentlich mehr als 10 Jahre alt, trotzdem ist sie brandaktuell für mich. Ich hatte heute einen Moment, der mich plötzlich wieder in diese eine Kunststunde in der 7. Klasse (oder war es die 8.? Ich weiß es gar nicht mehr, ich habe es verdrängt) zurückversetzte, über die ich seitdem so oft nachgedacht habe. Hier mache ich den offiziellen Auslöser fest, der einen Großteil meiner damaligen Schulklasse und einige wenige aus einer Parallelklasse dazu bewogen öffentlich und im Internet zu deklarieren, wie scheiße sie mich fanden.

Das absurde: ich habe danach selten darüber gesprochen, immer nur mal kurze Abrisse erzählt und anderen bestimmte meiner Gedanken zu erklären. Ich war einmal nach der ganzen Sache bei einer Therapeutin, meiner Erinnerung nach aber nur weil meine Eltern und meine Klassenlehrerin das für eine gute Idee befanden. Ich gab mir Mühe so zu klingen, als ob es mir wieder richtig gut ginge und alle Probleme aus der Welt geschaffen seien. Hat wohl geklappt, war ja nur einmal da. Ich dachte wohl damals, dass mich diese Sitzung vor allem davon abhält, den Scheiß zu verdrängen. Ich wollte abschließen und weitermachen.

Aber, und das ist etwas, was Menschen, die nicht ähnliches erlebt haben, niemals nachvollziehen können: wer einmal Opfer von Mobbing geworden ist, wird es immer sein. Es prägt deine Gedanken, dein Handeln, dein Gerechtigkeitsempfinden und deine Zukunft.

Wenn ich jetzt darüber rede, dann nenne ich es „Die Mobbinggeschichte“. Lange her, längst Geschichte, nicht weiter redenswert. Oft mag das sogar stimmen. Und heute gab es eben diesen Punkt, wo es nicht mehr stimmte. Ich war wieder 13. Ich stand in diesem Kunstraum und sagte etwas, was für alle anderen das Fass zum Überlaufen brachte. Nicht alle anderen, ich hatte das Glück durch die gesamte Zeit Freunde zu haben, die zu mir standen. Es gab auch viele, die nichts machten, aber die waren mir immer noch lieber als die, die Zettel im Unterricht herum reichten, in denen sie mir fiese Spitznamen gaben, und im Klassenforum im Internet über mich herzogen. Meine Mutter verbot es mir, diese Sachen zu lesen. Ich tat es nicht mal heimlich, weil ich wusste, wie sehr es mich verletzen würde. Irgendwann vorher hatten auf einmal fast alle, die ich zu einer Party eingeladen hatte, behauptet sie hätten an dem Tag doch keine Zeit. Das war scheiße, denn es waren Leute dabei von denen ich bis dato überzeugt war, dass sie meine Freunde sind .

Fun fact: ich habe keine Ahnung, wie lange das so ging. Ich habe mal im Gespräch mit meiner Mutter gesagt, dass das ja auch eh gar nicht so lange ging und sich schnell wieder legte, woraufhin sie mich ganz entsetzt angeguckt hat (sie hat alles sicherlich noch in schrecklicher und lebhafter Erinnerung) – denn das ganze streckte sich nicht über einige wenige, sondern mehrere Wochen hinweg, eventuell wenige Monate sogar (Edit: Mama sagt: sechs Monate für die gesamte Sache). Ich habe absolut jegliche Dimensionen der Sache verdrängt. Im Prinzip sind eh alle Angaben hier ohne Gewähr, da ich meiner Erinnerung nicht mehr traue. Das wird alles seit 10 Jahren von meinem Hirn so manipuliert, dass die Verletzung, die ich damals empfunden habe, nur noch eine helle weiße Narbe ist.

Mein Glück war, dass ich schnell meinen Eltern davon erzählt habe und dem entsprechend auch schnell meine Klassenlehrerin und andere Fachlehrer Bescheid wussten, denn so wusste ich immerhin, dass die Menschen im meinem Umfeld alles dafür gaben, dass es aufhört.
(Edit: Vielleicht liegt es daran, das meine Eltern alles gaben, mich so viel vor dem Ausmaß des ganzen zu bewahren wie irgend möglich, aber ich habe verdrängt, welche Dimensionen die Mobbinggeschichte annahm. Es kann auch sein, dass ich es ganz bewusst ausgeblendet habe, denn viel Trouble um meine Person hat mich immer schon überfordert, und in der Situation sicherlich erst recht. Involviert waren also nicht nur Klassenlehrerin und Fachlehrer, sondern Direktion, Klassenkonferenz, die komplette Elternschaft der Klasse, der Schulelternrat, die örtliche Polizei und ein externer Schulpsychologe, der zu uns in die Klasse kam.

Ich weiß nicht, ob ich mich für das, was ich damals im Kunstunterricht gesagt habe, entschuldigt habe. Kann sein, kann auch nicht sein, jedenfalls war das wohl einfach nicht das einzige, was ich bis dahin verbrochen hatte. Ich hatte und habe immer noch die schlechte Eigenschaft, manchmal über das Ziel hinauszuschießen, mit Dingen die ich sage oder tue, was dann von anderen vollkommen falsch aufgefasst wird. Ich lege heute oft meine Worte auf die Goldwaage und sehe zu, dass ich vor allem bei Menschen, die mich nicht gut kennen, meine Anliegen vorsichtiger formuliere. Da bin ich ein gebranntes Kind.
Edit: Sieh an: Laut meiner Mutter, die sich damals darüber informiert hatte, wie Klassenkameraden das ganze erlebt hatten, war es hier tatsächlich so, das was auch immer ich gesagt habe vielleicht fies, aber bereits eine Art Abwehr- oder Gegenreaktion auf die Gemeinheiten der anderen gewesen ist. Und ich sitze hier und gräme mich, dass ich vielleicht auf generellem Boshaft-sein etwas Blödes gesagt habe, dabei war ich dort schon absolut in der Defensive…

Irgendwann eskalierte die Situation in der Schule, als die Geschichte wieder Thema bei unserer Klassenlehrerin war. Eine Mitschülerin, die in der Sache mit drinsteckte, hatte wohl dazu was Doofes gesagt, woraufhin unsere Lehrerin ausrastete. Es war ein Ausbruch von so ehrlicher Erschütterung und Entsetzen und Wut und Frust, dass er sogar an uns Teenagern nicht vorbeiging. Ich glaube, es wurde viel geheult. Ich heule wahrscheinlich sowieso. Wie paradox es ist, dass man Abläufe und Situationen und Bilder so schlecht erinnert, aber doch die emotionale Erinnerung so heftig ist.

Das führte jedenfalls dazu, dass die anderen es plötzlich einsahen. Zumindest sagten sie das, den meisten glaubte ich (denn so gut schauspielern können sie nun nicht), manchen glaubte ich nicht. Ein paar derjenigen, denen ich glaubte, dass sie in der seltsamen Dynamik einer Gruppe Pubertierender und vermeintlich cooler Schüler einfach mitgerissen worden sind, zählen auch heute noch zu meinen besten Freundinnen.Ein paar andere habe ich dafür direkt nach dem Abitur (als mich wirklich nichts mehr an sie band) aus allen meinen Internetaccounts heraus geschmissen. Ja, es scheint, als sei ich in der Hinsicht wirklich nachtragend.
Edit: Einige mussten wirklich richtig büßen. Persönliche Entschuldigungen zuhause und sowas. Hier hege ich keinerlei Groll mehr. Es entschuldigten sich sogar Klassenkameraden, die eigentlich nichts gemacht hatten – weil sie nichts gemacht hatten. Das fand ich damals schon unglaublich rührend und ist für das Alter eine ziemlich weise Erkenntnis: Dass man auch Schuld empfinden kann oder sich schuldig machen kann, wenn man nichts tut. Ich würde sagen, die Zahl derer, die ich heute wirklich noch als verantwortlich sehe und bei denen es mir bis heute schwer fällt zu verzeihen, beschränkt sich wahrscheinlich auf drei Menschen.

Manchmal würde ich diese Leute gerne anrufen: Weißt du eigentlich, wie oft ich noch an dich denke? Dass ich öfter an dich denke, als an Menschen, mit denen ich mich in der Schulzeit großartig verstanden habe? Hast du wirklich daraus gelernt?

Ich habe daraus gelernt. Ich habe gelernt, Menschen nicht voreilig zu verurteilen. Ich habe gelernt, anderen Chancen zu geben. Ich habe meinen Radar für Ungerechtigkeiten geschärft. Ich habe gelernt, Geduld mit Menschen zu haben, die irgendwie komisch sind. Wer weiß, wie ich wäre, wenn ich das alles nicht erlebt hätte. Wer weiß, wie ich wäre, wenn ich nicht zumindest einem Teil der Leute ehrlich verziehen hätte. Wer weiß, wie ich wäre, wenn mein Karma danach nicht all den Müll ausgeglichen hätte: Ich fand meinen ersten festen Freund; ich verstand, dass ich tatsächlich jemand war, den andere mochten und liebten; ich kam in meinem Tanzverein in die Gruppe der richtig guten Tänzerinnen. Das war absolut korrekt vom Karma.

Edit: Was vielleicht bisher nicht sonderlich deutlich wurde, aber immens wichtig ist: Das alles war nicht meine Schuld. Ich bin ja kein Fan von schwarz-weißen Schilderungen bestimmter Ereignisse, aber all das, was damals vor sich ging, war so systematisch und perfide und vorangetrieben von einigen ganz wenigen Schülern der Klasse, dass ich einfach ein willkürliches Opfer war. Ich war immer schon jemand, der das Maul aufmacht, und daran konnten sich andere sicher gut aufhängen. Ich hatte und habe sicherlich meine Eigenarten, und in dem Alter habe ich sicher auch mal Sachen gemacht, die irgendwie doof waren – aber wer hat das nicht, und in welcher Welt leben wir eigentlich, in der darauf nicht konstruktiv sondern mit geballtem Hass reagiert wird.

Ich glaube, dass ich eigentlich glimpflich davon gekommen bin. Das hätte alles schlimmer sein können, viele Menschen leiden viel länger und viel schwererem Mobbing als ich. Und trotzdem trage ich meine Mobbinggeschichte immer mit mir herum. Alle, die selbst mal unter Mobbing litten, können das verstehen. Und alle, die Mobbing beobachtet haben, oder Teil davon waren, haben hoffentlich auch daraus gelernt und ziehen ihre Konsequenzen. Mobbing ist falsch, und das sollten wir alle dringend unseren Kindern beibringen.

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