The Outings Project: Kunst auf der Straße

Vor einer Weile schickte mir meiner Mutter ein Foto, das sie in der Schanze gemacht hatte: „Guck mal, Max Liebermann!!“

Neben Stickern, Plakaten und Tags hing dort plötzlich eines von Max Liebermanns berühmten Selbstportraits. Geil, fanden sowohl ich als auch meine Mutter – jedoch wussten wir beide nicht, woher das kam, was das sollte, obs da noch mehr von gab… Und irgendwie ließ sich das so umständlich googlen.

Durch Zufall stieß ich dann auf einen Artikel auf abendblatt.de, der genau dieses Projekt vorstellte. Ich konnte zu dem Zeitpunkt den Artikel leider nicht einsehen, weil unser liebes Hamburger Abendblatt ja auch online die Menschen zum bezahlen nötigen will, aber nun hatte ich einen Anhaltspunkt zum weitergooglen und fand mehr über dieses wundervolle Urban Art Projekt von Julien de Casabianca heraus.

Foto: NDR

Der französische Künstler begann zunächst selbst abfotografierte Werke zu reproduzieren und in der Stadt zu plakatieren, doch weil dies so wunderbar selbst nachzumachen ist, ermutigt er Menschen weltweit, bei dem Projekt mitzumachen. Dem Aufruf folgten viele und somit beteiligen sich den neusten Zahlen auf outings-project.org im Moment circa 80 Menschen auf 5 Kontinenten daran, Gemälde in die Straßen zu bringen. Weltweit beteiligen sich Museen an dem Projekt, uns ermutigen die Menschen, mitzumachen. Darunter ist auch unsere liebe Hamburger Kunsthalle – was erklärt, wie der Liebermann in die Sternschanze kommt.

Ich finde diese Idee so wunderbar. Zum einen ist es optisch eine schöne Abwechslung, neben den ganzen doch recht lieblos hingeschmierten Tags und hastig aufgeklebten Stickern etwas ganz traditionell gemaltes zu sehen. Oder die Bilder füllen leere und graue Wände mit Farbe. Zum anderen lässt es Menschen aufmerken, die ansonsten nicht so viel mit Kunst zu tun haben. Es lässt einen wundern, so wie es meine Mutter und mich wundern ließ, und plötzlich beschäftigt man sich ganz unvorhergesehen mit Kunst.

Außerdem spielt das in meinen Wunsch hinein, dass Kunst für mehr Menschen zugänglich wird. In London habe ich es so genossen, einfach in die großen Museen hineingehen zu können, ohne Eintritt zu bezahlen. Hier und da spendete ich mal ein Pfund oder zwei, aber ich musste nicht. Außer spezielle Ausstellungen kostete mich ein Besuch im Museum nichts. Dadurch war ich ständig am Wochenende irgendwo Kunst angucken, und es war so schön. Ich meine, wenn ich muss zahle ich auch Eintritt – in New York habe ich doch einige Dollar in Museen investiert. Aber das mache ich, weil ich mich für Kunst interessiere. Ich bin jemand, den ein bestimmtes Bild zum Weinen bringen kann, wenn es im richtigen Moment vor mir hängt.

Andere Menschen, die nicht so leidenschaftlich über Kunst denken, lassen sich jedoch von den hohen Eintrittspreisen abschrecken. Das führt natürlich dazu, dass das MoMa an einem Samstag nicht ganz so voll ist, wie die National Gallery am gleichen Wochentag, was ganz angenehm ist; doch es bedeutet auch, dass weniger Leute sich auf Kunst einlassen. Und das ist so schade, denn ich habe noch niemanden gesehen, nicht mal den größten Kunstmuffel, der im Museum nicht doch irgendwo ein Werk entdeckt hat, dass er beeindruckend fand. Die Kunst in die Straße zu bringen und den Leuten vor die Nase zu halten, bedeutet, die Kunst wieder zugänglicher zu machen, sie aus dem elitären Mief raus zu holen und in den Alltag zu integrieren. Und das finde ich einfach schön.

Soweit ich weiß, ist Liebermann am Kleinen Schäferkamp inzwischen wieder übermalt worden, aber ich habe Hoffnung, dass dafür vielleicht woanders in Hamburg inzwischen der Wanderer über dem Nebelmeer neben einem Graffiti hängt.

Foto von @outings_project auf Instagram, in Warschau

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