Nicht egal.

Ich sorge mich. Ich kümmere mich. I care.

Sharing is caring ist einer der Schlachtrufe des Internets. Wenn du meine Botschaft teilst, zeigst du, dass du dich sorgst oder kümmerst, zeigst, dass es dir nicht egal ist. Ein Klick und man hat das Gefühl etwas getan zu haben, ohne dass man sich vorher oder nachher viele Gedanken machen musste. „Caring“ ist so wichtig geworden, an allen Enden schreit mir irgendetwas zu, um dass ich mich kümmern soll.

Allerdings habe ich da ein Problem, denn ich leide unter einer Kondition, die mir das Leben in diesem Punkt erschwert: ich sorge mich um so vieles. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen oder aufhören soll. Manchmal mache ich glaube ich den Eindruck, dass mir bestimmte Sachen egal sind. Zum Beispiel wenn ich mir chronisch einen Geburtstag nicht merken kann, oder eine Geschichte vergessen habe, die mir jemand erzählt hat. Aber das liegt nicht daran, dass es mir egal ist, oder ein schlechtes Gedächtnis habe. Es ist einfach so viel.

Schon als kleines Mädchen habe ich mir immer viel zu viele Gedanken gemacht. Über Familie, Schule, Freunde, irgendwann kamen dann Arbeit und Zukunft und meine Beziehung hinzu. Manche Menschen sind hervorragend darin, Prioritäten zu setzen und augenscheinliche Kleinigkeiten auch als solche einzuordnen und sich dann nicht weiter emotional damit zu befassen. Ich kann das nicht.

Wie kann mich das denn kalt lassen, dass ich etwas gesagt habe, womit ich jemanden eventuell verletzt habe? Wie kann mich das kalt lassen, dass Leute mit denen oder für die ich arbeite mit meiner Arbeit nicht zufrieden sind? Wie kann ich mich zurücklehnen und entspannen wenn ich weiß, dass ich mit etwas mehr Mühe ganz ausgezeichnete Leistungen in der Uni erbringen könnte? Und egal was ich mache: nie reicht es. Es gibt immer irgendwo diesen kleinen Aspekt, der mir in die Seite piekst und sagt „Hätte hätte hätte hätte!“

Und dann? Dann fühle ich mich schlecht. Obwohl ich vielleicht ansonsten gute Arbeit mache. Aber mein Bauch drückt dann, mein Stresslevel steigt, die Rädchen in meinem Kopf laufen auf Hochtouren und ich kann es nicht abschalten. Ich würde dann gerne mehr sein, wie andere. Einfach mal fünfe gerade sein lassen, Dinge hinnehmen, akzeptieren, weitermachen, ohne vorher den Umweg über die emotionale Ebene nehmen zu müssen. Denn es ist mir nicht egal. I care. Und wahrscheinlich mehr, als es gesund ist.

So stand ich gerade in der Küche und versuchte das mulmige Gefühl im Bauch weg zu meditieren und mich professionell zu verhalten. Und dann habe ich an meinen Text über Gelassenheit gedacht. Ich bin nicht gelassen. Das habe ich doch schon festgestellt. Warum versuche ich jetzt also mir einzureden, dass ich mir keine Sorgen machen muss? Ich mache mir Sorgen. Ich kümmere mich, vielleicht auch manchmal zu viel. Und wenn ich das mal nicht mache, dann meldet sich eben mein Bauchgefühl wieder. Aber ist das denn schlimm?

Es ist eigentlich voll stark von mir. Dass ich das immer wieder mache. Dass mir nach einem Vierteljahrhundert auf dieser Welt immer noch nichts wirklich egal ist. Ich habe also beschlossen, dass ich auf das Gelassenheitsding nochmal eins drauf setze: Es ist mir nicht egal. Ich bin nicht gelassen, und alles um mich herum ist mir wichtig. I care. About too fucking much. Aber das ist auch gut so. Denn so stelle ich sicher, dass ich immer mein Bestes gebe, egal was ich tue. Meine Sorgen sind Teil meiner besseren Seite.

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