Liebe Bundesregierung

Gerade sitze ich am Schreibtisch. Eigentlich muss ich ziemlich dringend an meiner Hausarbeit schreiben, die am Mittwoch fertig werden soll. Ich bin ein bisschen schläfrig, weil ich das immer bin, und voll unmotiviert, weil ich das im Falle dieser speziellen Hausarbeit bin, aber die Deadline kitzelt mich im Nacken und langsam wird es unangenehm. Auch ein paar organisatorische Haushaltssachen habe ich heute schon erledigt. Außerdem habe ich grandiose neue Wollsocken von Budni für €2,99. Also kann man sagen: ich war gerade durchaus gewillt produktiv zu sein.

Allerdings fiel mir das den ganzen Tag schon schwer. Gestern waren wir noch etwas länger wach, weil wir beim Konzert der Gorillaz waren, und da las ich es: Der Christian machte den Lindner (was im neuen Party-Sprech nach Kathrin Weßling bedeutet, ohne Tschüß zu sagen abzuhauen) und setzte wochenlange, scheißwichtige Sondierungsgespräche in den Sand. Ich und alle anderen waren dementsprechend so, WTF, wat nu?

Ich habe mir dann heute schon mal ausgedacht, mein vertrautes Wahlhelferkommittee für die Neuwahlen rechtzeitig zusammen zu trommeln, während ich abwartete, was sich da jetzt noch so tut. Dass es tatsächlich so weit kommen würde, war eine große Befürchtung von mir. Ganz in einer Kategorie mit „die Briten werden sich schon nicht aus der EU wählen… oder?“ und „Ach, das wird schon Hillary Clinton werden… oder?“. Wie immer starb meine Hoffnung zuletzt, dass sich die sondierenden Flitzpiepen einfach mal ein bisschen am Riemen reißen, und dass dabei meine Partei nicht zu viele schlimme Kompromisse eingehen würde. Meine Partei ging tatsächlich schlimme Kompromisse ein, aber das ist ja jetzt alles hinfällig, weil die FDP nicht mehr mitmachen will. Mit einem Move wie aus dem Populistenhandbuch (die AfD erblasst vor Neid) inszenierte Lindner dramatisch den Ausstieg aus den Sondierungsgesprächen und der Praktikant änderte erstmal alle Bilder auf Social Media mit dem neuen Leitspruch der FDP: „Mimimimimimi, die anderen sind doof“, ähm, ich meine, „Lieber nicht regieren, als falsch“. Und ich frage mich, wieso sie sich dann eigentlich zur Wahl gestellt haben.

Jetzt läuft bei mir der Livestream der Tagesschau, Steinmeier hat was erzählt, Experten spielen die Szenarien durch, und ich sehe einfach alle meine Horrorszenarien wahr werden. Ich sehe Rechtspopulisten, die sich die Hände reiben, enttäuschte Bürger, die sich in ihrer Sicht bestätigt sehen, die aktuelle Regierung sei unfähig, und eine neue Wahl deren Ergebnis ich mir ehrlich nicht vorstellen möchte. Und ich frage mich, ob das unsere Politiker nicht so sahen, ob sie zu optimistisch waren, dass man irgendwie zusammenkommt, eben weil es so wichtig ist. Das war eine dornige Chance, die die FDP anscheinend nicht wahrnehmen wollte. Warum, das wird sich gerade auch im Ersten gewundert.

Und ich sitze an meinem Schreibtisch, bringe es nicht über mich, den Livestream auszumachen oder aufzuhören mit dem Kopf zu schütteln. Was. Soll. Der. Kack. Für mich gibt es an diesem Punkt nur Scheißlösungen. Ich halte weder etwas von einer Großen Koalition, noch von einer Minderheitsregierung, weil beides einen improvisierten Charakter hat, der einer neuen Bundesregierung im aktuellen politischen Klima schaden würde. Aber Neuwahlen? Ich möchte weinen. Und habe noch mehr Angst, als vor der letzten Wahl.

Meine Hausarbeit erscheint gerade ultimativ irrelevant. Liebe Bundesregierung, du ruinierst nicht nur die deutsche Politik, sondern auch mein Studium.

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