Printjournalismus

Als ich heute meiner Mutter beim Umzug ihres Ateliers half und neben allerlei ganz, halb oder gar nicht bemalten Leinwänden auch mehrere Jahrgänge art-Magazine zum Sprinter trug, wurde mir klar: Ich weiß genau, warum der Printjournalismus stirbt.

Vor kurzem erst traf meine Generation die Einstellung der Print-Neon schwer. Nach 15 Jahren, hunderttausenden begeisterten Twens und etlichen Artikeln über außergewöhnliche Sexpraktiken, Karriere und Identitätsfindung gibt es sie nun einfach nicht, und wir sind daran selbst schuld. Mein Verdacht ist, dass diejenigen, die die Neon lange nicht mehr kauften, nun am traurigsten sind. Allerdings hatte die Neon auch schon seit Ewigkeiten mit dem Ruf zu kämpfen, alle 3 Jahre einfach die selben Artikel und Themen neu zu drucken, wenn eine neue Generation Leser abgearbeitet worden ist.

Funktioniert Printjournalismus so? Immerhin kaufen wir ja auch Bücher und gucken Filme, von denen wir wissen, dass sie nach Storytellingschema F erzählt werden, nur scheint es da offensichtlich in Ordnung zu sein. Beim Journalismus haben wir andere Ansprüche. Wehe, es ist trivial. Wehe, es ist auch nur ein Hauch einer Meinung drin. Wehe, es ist linksorientiert. Wehe. Aber das ist ja auch nicht neu, dass Journalisten im rechtspopulistisch angehauchten allgemeinen Consens die Bösen sind. Ich sehe das immer und in jedem Fall anders, deswegen soll es darum auch nicht gehen.

Aber nun trug ich diese art-Hefte. Magazine voll großartigem Kunstwissen und mehr oder weniger reflektiert-affektierter Kunstkritik, festgehalten in diesem ausführlichen privaten Archiv – und quasi nicht nutzbar. Dort nach bestimmten Künstlern oder Ausstellungen suchen dauert Stunden und lässt einen digitale Datenbanken ganz neu wertschätzen. Aber immerhin enthalten diese Hefte dieses tolle, wiederverwendbare Wissen. Da ist auch das 20-Jahre-alte Heft noch nützlich.

Aber was soll man denn nun mit seiner Sammlung Neon und Spiegel Magazine tun? Wegschmeißen und recyclen. Kurzlebiger kann Inhalt kaum sein. Konsum und weg. Was schert mich der Putin von letzter Woche, letztem Jahr; was interessieren mich die Sorgen meiner Generation von 2011. Und wenn irgendwer sich doch wegen irgendeines Studiums oder irgendeiner Forschung damit beschäftigen möchte, dann hat sie entweder ein endloses Archiv mit Zeitungen, oder diese aufwändig digitalisiert.

Nachdem meine Ärztin mir im Winter dazu riet, mir mal was gutes zu tun und vielleicht einfach mal wieder ein Magazin zu kaufen und zu lesen, bestellte ich im Probe-Abo den New Yorker. 12 Ausgaben für quasi keine Euros. Ich habe nun also ein paar wunderbare spannende Magazine bei mir liegen. Gelesen habe ich davon exakt keines. Sie warten auf einen Zeitpunkt, in dem ich die Zeit und Muße habe, mich mit ihnen hinzusetzen und funktionieren in der Zwischenzeit ganz exzellent als Staubfänger. Passt Print noch zu uns jungen Leuten und unserem Leben? Ist das jetzt wieder das Klischee von unserem schnellen Lifestyle ohne Pause nur am Smartphone und mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne?

Also frage ich mich, ob man’s nicht wirklich einfach gleich digital lassen kann. Es würde meine Arme bei Umzügen entlassen (bitte zieh nicht mehr um, Mama), Papierresourcen schonen (ich argumentiere jetzt mal so, dass wir den ganzen technischen Kram so oder so bereits nutzen und rechne das nun nicht ökologischer-Fußabdruck-mäßig gegeneinander auf) und Verlagsnerven entspannen. Jetzt müssen die Verlage sich nur noch überlegen, wie digitaler Journalismus vernünftig finanziert werden kann, und dann wird’s schon werden.

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