Die Sache mit dem Make Up

Dieser Entwurf liegt schon länger bei mir rum, und jetzt bin ich gerade in der richtigen Laune, ein bisschen rumzupöbeln.

Dazu ein kleines Flashback.

Als ich anfing mich zu schminken, waren noch blauer Lidschatten und glitzerndes Lipgloss in. Meine ersten Schminktipps bekam ich von meiner Mama: Wie man Mascara und Kajastift benutzt, und wie man es schafft mit einem Abdeckstift ungewünschte rote Stellen zu verstecken. Ich glaube, mit 13 bekam ich die Erlaubnis, dass ich mich nun auch für die Schule schminken dürfe. Von da an veränderte sich meine Schminkroutine locker flockig 4-5 Jahre quasi gar nicht. Schwarzer Kajal, schwarze Mascara – fertig! Etwas später entdeckte ich den Lidstrich für mich, das änderte mein Makeup-Game enorm.

Ansonsten war es das. Natürlich sah ich, dass meine Stars und Idole ganz anders geschminkt waren, aber da traute ich mich nicht ran. Ich wusste einfach nicht wie. Als ich also begann mir einen Lidstrich zu malen, war das schon die Zeit, in der die ersten Makeup-Gurus auf YouTube begannen, Anleitungen hochzuladen. Endlich erklärte mir jemand die Nutzung von Makeup über die Kajal-Mascara-Grenze hinaus.Übers Studium und mit der Hilfe etlicher Tutorials auf YouTube wurde ich mutiger. Concealer. Augenbrauenstifte. Lidschatten. Lippenstift. Puder. Die Sammlung vervollständigte sich und das, was ich auf mein Gesicht malte sah nicht mehr ganz so improvisiert aus. Hoch leben meine liebsten Beauty-YouTuberinnen für diese Leistung!

Zurück ins Jetzt.

Inzwischen habe ich eine echte kleine Lippenstiftkollektion zuhause und habe sauviel Spaß daran, mich zu schminken. Vor allem, wenn ich mir mal für einen besonderen Abend richtig viel Zeit dafür nehmen kann, wir das ganze ausgiebig genossen. Mal werden die Augen betont, mal die Lippen, und fürs feiern beides – volle Lotte.

Seitdem ich mehr Makeup nutze und verfolge, wie viel Inhalte dazu online hochgeladen werden und wie die Makeup-Abteilungen in den Drogerien meines Vertrauens immer mehr wachsen, gucke ich anderen Frauen (die meisten Männer nutzen den Kram ja nicht weil sie nicht wissen, was sie verpassen) genauer ins Gesicht. Ich schaue mir an, wie alt sie sind. Ich schaue mir an, welche Produkte sie benutzt haben, und wie. Ich schaue mir an, wie andere Menschen auf unterschiedlich stark geschminkte Frauen reagieren. Das mache ich zum einen, um mir bestimmte Looks abzuschauen, und zum anderen, um mir ein Bild davon zu machen, wie geschminkte Frauen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Denn ich höre auch die Vorurteile gegen Frauen, die sich schminken, und bin tödlich genervt.

Dabei meine ich nicht nur dieses machomäßige „DIE FRAUEN BETRÜGEN UNS DIE SEHEN JA GAR NICHT SO AUS AAAAH“, sondern das ständige Klischee, das Frauen, die sich schminken, ihr Aussehen nicht mögen würden, und das Frauen, die sich weniger schminken in beruflichen oder akademischen Kontexten ernster zu nehmen sind.

Ich meine. Geht’s noch?

Ich könnte hier einen sehr, sehr langen Vortrag darüber halten, wie schrecklich ich diese generelle verurteilende Mentalität vieler Menschen hasse. Kenne ich nicht, kommt mir suspekt vor – ich werde das nun von außen genau durchanalysieren und kann mir danach ein gründliches, natürlich negativ wertendes, Urteil erlauben. Ja ne, das funktioniert so nicht. Das funktioniert so nicht bei dicken Menschen. Das funktioniert so nicht bei arbeitslosen Menschen. Das funktioniert so nicht bei fremd aussehenden Menschen. Das funktioniert so nicht bei Männern. Das funktioniert so nicht bei Frauen. Das funktioniert einfach nie.

Es gibt vielleicht die Frauen, die sich wahnsinnig viel schminken, ohne Makeup nicht aus dem Haus gehen würden, und das alles machen um tief sitzende Unsicherheiten zu verbergen. Und selbst dann sage ich: NA UND. Ist doch ok, dass sie im Makeup etwas gefunden hat, dass ihr damit erstmal helfen kann. Aber das sind ja auch nur ein Bruchteil der Frauen. Ich finde mich zum Beispiel eben selbst voll hübsch wenn ich geschminkt bin, und deswegen mache ich es gerne. Ich ziehe ja auch bestimmte Jeans an, weil ich finde, dass sie mir stehen. Warum sollte ich dann nicht auch Lippenstift tragen dürfen?

Die Meinung, geschminkte Frauen seien inkompetenter als die ungeschminkten, ist dabei für mich ganz simpel ein misogynistisches Vorurteil geprägt von einer Gesellschaft, die nach wie vor Männern bzw. Menschen mit mehr als maskulin geltenden Eigenschaften mehr Kompetenz zuspricht. Das ist alt und eingestaubt, und ich freue mich über jede Frau in einer Führungsposition mit großartigem Lidschatten, jede Professorin mit rotem Lippenstift, jede Rednerin mit Rouge im Gesicht, weil sie Leuten mit diesem Vorurteil eben jenes ins Gesicht hauen und damit sagen „GET OVER IT“. Man sollte sich diesen Vorteilen nicht anpassen und zum Abschminktuch greifen, sondern weiter seinen geilen Scheiß durchziehen. Kick Vorurteilen in the ass.

Durch meinen Job sehe ich nun auch, wie die Teenies von heute diesen Kampf auf sich nehmen müssen. Eben durch das Internet lernen die Mädchen heute viel schneller den Umgang mit allem was zu Makeup dazugehört. Das führt nicht nur dazu, dass sie ihre Haut besser pflegen als ich damals, dass sie ungefähr 20 mehr Produkte nutzen, und dass sie damit auch einfach viel besser aussehen, wenn sie geschminkt sind. Wie ich probieren die Mädels auch heute dabei ganz viel aus, sind mal mehr mal weniger geschminkt. Bei vielen Menschen löst das total den Schock aus – oh je oh nein, wenn die jetzt schon so viel Makeup benutzen, wie sollen die denn jemals zufrieden mit ihrem Aussehen sein?

Ich kann den Terz nicht nachvollziehen. Ja, auch hier wird es sicherlich die Mädchen geben, die unsicher sind, die mit dem Makeup bestimmte Dinge verstecken möchten, und die sich nicht gerne ungeschminkt zeigen. Aber soll ich mal was verraten? So waren ich und meine Freundinnen damals auch. Hätten sie mich mal gefragt ob ich ohne Kajal und Mascara in die Schule gehe, haha, „NIEMALS“ wäre die Antwort gewesen.

Wahrscheinlich liegt hier wie in so vielem das eigentliche Problem im Pauschalisieren des Themas und in diesem elenden Generationenkonflikt. Nicht alle, die sich schminken, haben ein Problem. Wahrscheinlich sind es sogar die wenigsten. Makeup bedeutet nicht, dass jemand dumm ist, oder weniger schlau. Makeup bedeutet nicht, dass ich mein Aussehen hasse. Kann, muss aber nicht, ist die Devise – wie bei so vielem.

Ich weiß ohnehin nicht, warum auf alles, was Menschen tun, gleich eine Diagnose folgen muss. Ich weiß auch nicht, warum alles beurteilt werden muss. Man kann die anderen auch einfach mal sein lassen, solange sie damit niemandem (einschließlich sich) schaden oder einschränken. Wir wissen auch jetzt noch nicht, inwiefern unsere Teens verkorkst sind. Das finden wir in ein paar Jahren heraus, wie bei allen Generationen im Übrigen. Zeigt mir eine, die nicht ihren Hau weg hat und ich schmeiße alle meine Lippenstifte weg.

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