Goodbye, Uni.

Teil 1:

Ich sitze im Bus zur Uni. Es ist die erste Fahrt nach Lüneburg seit langem, und es wird die letzte sein, die ich mit einem nervösen Gefühl im Magen antrete.

In einer Stunde findet meine mündliche Prüfung statt. Ich habe mich vorbereitet, aber ehrlich gesagt auch nur mit minimalen Aufwand am Wochenende. Ich bin so durch mit dem Thema, dass ich merke, wie mein Kopf mich davon weg zieht.

Bei der Arbeit kann ich mich im übrigen sehr gut konzentrieren. Da macht es mir ja auch Spaß. Uni, das war zuletzt nur noch Pflichtprogramm, obwohl ich mir ein Thema ausgesucht habe für die Masterarbeit, dass ich tatsächlich hochinteressant finde. Aber der Kopf, der hat sich gemerkt wie schlecht es mir in der Zeit an der Leuphana ging und schiebt mir nun den mentalen Riegel vor, bei allem was damit zu tun hat. Fiona gegen ihr Gehirn – the sequel to the sequel to the sequel.

Ich glaube nun ganz gut im Kopf zu haben, was ich den Professoren erzählen möchte, und zweifle nicht daran, dass mir irgendwelche Antworten auf ihre Fragen einfallen werden. Ich habe nach diesem Master-Desaster geringe Ansprüche. Meine Gesamtnote wird ok sein, und ich habe einen Job. Meine Lage könnte easy schlimmer sein.

Die Nervosität, die geht trotzdem nicht weg. Ich will mich schließlich nicht blamieren, und ich bewundere meine Profs sehr für ihre Forschung und für ihr Wissen. Das sind zwei richtig gute – und ich hab schon ein schlechtes Gewissen, dass ich ihnen eine Arbeit vorgelegt habe, an der zwar lange geforscht wurde, aber die im Endeffekt innerhalb von 3 Wochen geschrieben wurde.

Nun, ich habe gleich an der Uni noch knapp eine Stunde nochmal durch meine Notizen zu gucken und mir die Punkte einzuprägen, über die ich sprechen möchte.

Teil 2:

Ich sitze wieder im Bus. Es ist zwei Stunden später und ich habe sowohl die mündliche Prüfung als auch die schriftliche Arbeit jeweils mit den mir bestmöglichen Noten bestanden. Beide nicht brillant aber gut, und das war meine große Hoffnung.

Als alles vorbei und verkündet war habe ich noch vor meinen Profs angefangen zu weinen. Der Druck, der eben von mir abgefallen ist, ist einfach gigantisch. Vorbei, es ist vorbei, schreit mein innerer Sportkommentator, und die kleinen Spielerinnen in meinem Kopf fallen sich in die Arme.

Es ist sehr, sehr unwirklich. Ich habe alles geleistet, was ich leisten muss, um den akademischen Titel Master of Arts tragen zu dürfen. Eine lange, nicht ausgesprochen übersichtliche Liste an Modulen und Seminaren mit der willkürlichen Leistungsumfangsbeschreibung „5LP“ dahinter, Prüfungen an jeder Ecke. Alles fertig.

Teil 3:

Ich habe meine Urkunde geschickt bekommen. Als ich die Unterlagen für meinen Bachelor bekam, konnte ich ihnen kaum Wert beimessen, schließlich steckte ich da schon mitten im Master und das Bachelorzeugnis kam mir nur vor wie die Zwischenetappe nach der in zwei Jahren niemand mehr fragt. Nach all dem Stress, der Panik und der Depression, die mein Masterstudium in mir ausgelöst und verstärkt hat, dachte ich, dass auch das Masterzeugnis mir nicht so viel bedeutet würde. Immerhin war ich nun wieder direkt mit Vollzeitjob in die nächste Etappe gestartet.

Und dann kam letzte Woche der dicke Brief. Mit Urkunde, Zeugnis, etc. Ich hab es ausgepackt, und es hat sich so gut angefühlt. Master of Arts. Da stand es endlich. Kaum zu glauben. Dabei gab es Momente in denen ich überzeugt war, ich könne es nicht packen. Und doch, da war’s nun.

Dieses scheiß Ding. Es war wichtig, dass ich es gemacht habe. Es hat mir Zeit gegeben mich zu orientieren, zu lernen, zu mir zu finden. Die letzten drei Jahre waren mit ihren Hoch und Tiefs vor allem anstrengend. Ich glaube nicht, dass es nun viel weniger anstrengend wird, aber vielleicht ja wenigstens auf eine Weise, die ich besser aushalten kann.

Nächsten Monat ist meine Absolventenfeier und ich hab mir sogar so einen doofen Hut zu den Karten mitbestellt. Wenn schon, denn schon. Das hab ich ich mir jetzt verdient.

Teil 4:
Es ist Herbst 2019. Vor einem Jahr war meine Absolventenfeier. Ich war dort mit meinem Freund und meinen Eltern, was mir sehr viel bedeutet hat. Es war ein super schöner Abend und Abschluss. Außerdem habe ich eine Reise nach London geschenkt bekommen, die wir im März machen durften. Das war auch wundervoll.

Jetzt bin ich ein Jahr aus der Uni raus, immer noch depressiv, aber immerhin nur noch mit einem Job, um den ich mich kümmern muss. Jetzt muss ich diese typische Work-Life-Situation in den Griff bekommen. Manche sagten mir, gib dem ganzen so drei Monate, bis du dich daran gewöhnt hast, Vollzeit zu arbeiten. Andere meinten, sechs Monate brauche es auf jeden Fall. Jetzt sitze ich hier, mit mehr als einem Jahr im Vollzeitjob, und frage mich, wann ich es wohl schaffen werde, mich im Alltag nicht zu verlieren.

Eins weiß ich dennoch, frei nach Tocotronic: Aber studieren, nein danke. Ich muss mich noch ins Leben frei von Lehrplänen gewöhnen, aber das kommt schon noch. Es wird, es wird. Ich bin neulich wieder auf meine Studienzeugnisse gestolpert und musste mich kurz ein bisschen selbst bewundert, dass ich das durchgehalten habe.

Im Moment übe ich mich darin, Kapitel in meinem Leben zu schließen. Manche Dinge hängen mit traumatisch lange hinterher. Uni auch. Und deswegen muss ich jetzt mal diesen Text zuendebringen und veröffentlichen, den ich im September 2018 angefangen habe.

Goodbye, Uni.

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