Wähl was

Schon wieder. Schon wieder werde ich einen Sonntag im Wahllokal verbringen. Und Aufsicht führen. Und das Amt anrufen, ob Wahlscheine gültig sind. Und Leuten erklären, in welches andere Wahllokal sie gehen müssen. Oder sie einfach weiter durchschicken ins Wahllokal direkt neben unserem. Mein Team und ich werden viel Kaffee trinken, Kuchen essen, Spaß haben, insgeheim hoffen, dass die AfD schlecht abschneiden wird.

Außerdem werde ich schon wieder einen Urlaubstag opfern, um am Montag auszuzählen. Am Montagnachmittag werde ich platt zuhause liegen und ein Nickerchen brauchen. Schon wieder.

Ich bin Wahlhelferin seit der ersten Bundestagswahl, bei der ich wählen durfte. 2013. 2014 bei der Bezirksversammlungswahl dann nochmal. Und seit 2015 als Wahlbezirksleitung. Die kommende Bürgerschaftswahl ist die sechste Wahl, die ich auszähle.

Wir haben schon einiges erlebt. Einen, der seine Wahl mit seinen einschlägigen Tattoos entanonymisierte. Jemand, der nicht wählen durfte, weil er vom Amt wegen unzustellbarer Post abgemeldet worden war. Ein alter Mann, der kaum gehen konnte, aber sich ins Wahllokal schleppte, weil er seit 60 Jahren noch nie eine Wahl verpasst hatte. Schmierereien in den Wahlkabinen. Viele Kinder, die mitgenommen werden, um zu zeigen, wie wichtig es ist wählen zu gehen. Ein junger Mann, der aus irgendeinem Grund nicht zuzuordnen war, und der erst kurz vor 18 Uhr das richtige Wahllokal zum wählen fand, nachdem er stundenlang Wahllokale abgeklappert hatte.

Wer nicht gecheckt hat, dass wählen gehen nicht nur eine Pflicht sondern auch ein Privileg ist, der checkt es spätestens, wenn er mal bei einer Wahl geholfen hat. Da hat man sie in der Hand, die einzelnen Stimmen, die in der Summe bestimmen werden, wer uns regiert.

Ja, das ist pathetisch. Und ja, ich hab schon Menschen richtig angeschissen dafür, dass sie nicht wählen gehen. Aber das ist essentiell. Wir sehen eine neue Generation Nazis erstarken, in allen Bundesländern und somit auch im Bundestag und in der EU. Jede Stimme, die etwas anderes wählt als Nazis, sorgt dafür, dass die nicht über uns bestimmen werden.

In Hamburg sind wir so privilegiert, dass es angenehm ist, sich die Wahlergebnisse anzusehen. In meinem Bezirk sind immer die Linken, die Grünen und die SPD die stärksten Fraktionen. Altona-Altstadt weiß, was sich gehört.

Aber bei anderen Wahlen sehe ich die Ergebnisse und mir wird schlecht. Einfach kotzübel. Und dann sehe ich die ganzen Namen im Wählerverzeichnis, hinter denen am Ende des Tages kein Vermerk steht. So viele Menschen, die nicht wählen waren. Das ist verantwortungslos. Jeder kann was wählen. Niemand muss die Partei suchen, die perfekt zu den eigenen Ansprüchen passt, die gibt es nicht. Aber wähle irgendwas. Wähl die CDU meinetwegen. Aber wähl was, um den prozentualen Anteil der Nazis klein zu halten.

Ich bin nach der letzten Bundestagswahl den Grünen beigetreten. Ich bin zu sehr mit meinem eigenen Shit beschäftigt, als dass ich mich da bisher vernünftig hätte engagieren können, aber mein bescheidener Mitgliedsbeitrag unterstützt immerhin eine Partei, deren Arbeit ich mag.

Am 23. Februar ist Bürgerschaftswahl in Hamburg. Ich habe per Briefwahl bereits meine Stimmen abgegeben. Grün wieder. 10 Kreuze. Gar nicht schwer. Aber so ein riesiger Unterschied. Wähl was. Und wenn du nicht wählen darfst, dann sag allen, die du kennst und die wählen dürfen, dass sie wählen gehen sollen. Mach das auch, wenn du wählen darfst. Bitte.

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