Wütend genug

In meinem Kopf singt Judith Holofernes, „Bin ich nicht wütend genug für dich und deine Leute“, und ich weiß ums Verrecken nicht, wie der Text weitergeht. Es erklingt die Bassmelodie, dann nur noch la la la. Und so singt meine Ohrwurm-Judith munter in Dauerschleife immer die selbe Zeile, während ich mich frage, ob ich nicht wirklich langsam wütend genug bin.

Ich bin richtig oft wütend. Ziemlich auf alles. Und wenn ich wütend bin muss ich immer heulen und so erklären sich die Hälfte meiner Heulkrämpfe (die ich auch richtig oft habe). Ich war letztes Jahr viel weniger wütend und habe viel weniger geheult, aber das war medikamentös bedingt und gildet irgendwie nicht. Jetzt fühl ich wieder was und ich bin so sauer.

Das ist ein scheiß Gefühl. Ich will das gar nicht haben, weil es mir im Moment nicht gelingt da auch nur die geringste Produktivität draus zu schöpfen. Ich bin nur voll das Rumpelstilzchen.

Welt am Abfucken? Wütend sein, Hass auf Nazis haben, den Gesundheitsminister verfluchen, mit großen Augen vor Entsetzen kopfschüttelnd Nachrichten lesen – und dem Eskapismus frönen und die Freizeit mit dem Gucken von stumpfen, zehnmal gesehenen Serien verbringen.

Zu dick für die schöne Bluse? Frust schieben, die Bluse weit hinten in den Schrank schieben, Ewigkeiten im Spiegel die Falten zählen und sich selbst hassen – und den Sport auf ~morgen~ schieben.

Die kleine Katze hat schon wieder auf die Bettdecke gepinkelt? Rumschreien, fluchen, Kissen in die Ecken pfeffern, heulen – und dann wieder nicht das Katzenklo sauber machen.

Die Depression kickt? Wut haben auf das Hirn, das nicht gesund wird, rumzicken, noch mehr fluchen, Frust an Unschuldigen auslassen – und dann einfach weinend ins Bett gehen.

Und immer wenn die Welt noch eine Schippe drauf legt, und immer schlechter wird, dann werde ich immer wütender aber bleibe inaktiv und ich frage mich, wie viel da noch geht und wie lange es noch dauert bis ich mit Tellern schmeiße. Bin ich nicht langsam mal wütend genug? Wie wütend kann ich werden und wie äußert sich mein persönlicher Vulkanausbruch?

Ja, ich brauche einen coping mechanism, der aus mehr als Heulen und Fluchen und Eisessen und Schlafen besteht. Ja, das wäre um einiges gesünder. Weiß ich ja. Muss ich doch mit Boxen anfangen? Will aber echt nichts aufs Maul bekommen, bin super schmerzempfindlich und voll der Pfirsich.

Wenn ich mir was wünschen darf: ich hätte ja gern so eine richtig reife, erwachsene Lösung – wie dass ich so wütend werde, dass ich anfange regelmäßig Sport zu machen, mich politisch zu organisieren, und ein Manifest schreibe. Lol.

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