Bilanz, oder: Recap, wie man so schön auf Neudeutsch sagt

 

Letztes Jahr war eines der anstrengendsten, aufregendsten, nervenzehrendsten Jahre meines Lebens. Ich bin sicher es gab in meinem Leben kein Jahr, aus dem ich ähnlich kaputt rausgegangen bin, wie aus 2015. 2016, so fand ich, könnte mal wieder etwas entspannender werden. EIn Jahr, wo nichts großes, spannendes passiert am besten. Sowas habe ich mir gewünscht, für 2016.

Es ist jetzt Ende September (Wake me up when lalala…) und ich finde, dass es Zeit ist mal Bilanz zu ziehen, was mir die ersten neun Monate des Jahres so gegeben haben. Finde ich außerdem voll originell, einen Jahresrückblick im September zu verfassen. Mal was anderes. Perspektivwechsel, und so.

Anfang des Jahres war ich durch. Da ging mal nix mehr. Ich kann mich an Januar gar nicht mehr erinnern. Was hab ich da eigentlich gemacht? Irgendwie die letzten Wochen Uni hinter mich gebracht, aber wie, was weiß ich, war ich dabei? Im Frühjahr bin ich dann kläglich daran gescheitert, die drei Hausarbeiten zu schreiben, die ich als Prüfungsleistungen abgeben musste. Hatte ja auch noch zwei Klausuren auf dem Zettel, für die gelernt werden wollte. Eine Hausarbeit habe ich dann noch vor der Deadline geschafft. Da habe ich auch wirklich viel Arbeit reingesteckt, mehr als geplant, aber die ist auch wirklich gut geworden. Die Klausuren sind auch beide gut geworden. Aber Mitte März war ich dann ganz schön fertig. Ich hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, mich von 2015 zu erholen. Als ich beim Arzt auf seine Frage nach meinem Stresslevel der letzten Zeit anfing zu heulen, wurde ich dann eine Woche krankgeschrieben und hatte Zwangsurlaub. Tat gut.

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Und dann ging plötzlich das neue Semester los und ich hatte meine anderen beiden Hausarbeiten mit dem Arsch nicht angeguckt. Musste halt Serien bingewatchen! Im Sommersemester habe ich mich dann also erstmal mit der Altlast befasst. Eine Hausarbeit ist dabei für meine Leistungslevel so OK geworden, die andere (die ich an einem Tag runtergeschrieben habe) sogar eine 1,0. Das hat mir bewiesen, dass ich unter Zeitdruck grunsätzlich am besten arbeite. Allerdings hat das auch dazu geführt, dass ich das bei zwei weiteren Hausarbeiten und zwei Essays im aktuellen Semester wieder so durchgezogen habe: Recherche, Recherche, Recherche, ein Tag zum Schreiben. Ob die Arbeiten aus diesem Semester wieder so gut geworden sind, wage ich zu bezweifeln.

Denn: mit der Arbeit an den Forschungsprojekten in diesem Semester gingen mal wieder etliche Krisen und sorgenvolle Nächte einher. Wir können mal meinen Freund fragen, wie das so war. Als ich ihm sagte, dass ich einen Text über mein Jahr schreibe, fragte er gleich: “Darüber, wie scheiße es war?” … Mein Kopf beginnt bereits, das Vergangene so zu bearbeiten, dass es sich gar nicht mehr soooo schlimm anfühlt, aber es war schon scheiße. Es war zu viel Arbeit. Ich habe dieses Jahr circa 80 Seiten Text verfasst für die Uni. Ein Forschungsportfolio zusammengestellt. Wirklich viele Texte recherchiert. Viel gelernt. Aber der Körper sagt nein.

Erschwerend kam mit der (total überraschenden) Erkenntnis, dass nächstes Jahr schon wieder die Documenta in Kassel ist und dass ich dieses Jahr 25 werde eine kleine Quarter-Life-Crisis hinzu. Beim letzten Besuch in Kassel hatte ich irgendwie eine andere Idee davon, wo ich im Sommer 2017 so im Leben stehen werde. Das einzige, was wohl mit meiner damaligen 5-Jahres-Idee heute übereinstimmt ist, dass ich tatsächlich immer noch mit Flo zusammen bin. Ansonsten? Meh. Da gab es dann viele Tränen, viel Eiscreme, viele bestärkende Worte von Flo und der besten Freundin.

 

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Das Jahr verging wie im Flug. Ich habe mich von Deadline zu Deadline gehangelt und weiß dabei nicht, was mit all der Zeit passiert ist. Ein Highlight war definitiv das Dockville im August. Festivals und Konzerte generell erden mich immer ungemein, das tat gut. Irgendwie ist mein Wunsch an 2016 in Erfüllung gegangen, denn so viel ist bisher gar nicht passiert. Es war in der Tat ziemlich unaufregend eigentlich – aber irgendwie nicht in der Art und Weise, wie ich es mit gewünscht hätte. Aber wer bin ich, mich zu beschweren. Besser als die letzten Monate von 2015 war dieses Jahr allemal. Es könnten bloß wirklich mal keine tollen bekannten Menschen mehr sterben. 

Im Moment genieße ich die letzten Tage meines Urlaubs. Das erste mal so richtig frei, seit Ewigkeiten. Kein to-do im Hinterkopf. Offiziell im Büro Urlaub eingereicht. Stark. Ich fühle mich trotzdem total unruhig, aber irgendwie auch endlich mal wieder richtig motiviert. Ich bin gespannt aufs nächste Semester. Ich bin gespannt, wie ich mich schlage, wenn ich endlich mal studieren kann ohne umziehen zu müssen, ohne mich in einen neuen Job einfinden zu müssen, ohne Hausarbeiten aus dem vorherigen Semester nacharbeiten zu müssen. Ich muss dann halt mal nicht so viel tun, außer jobben und die aktuellen Seminare studieren. Das hört sich vielversprechend an.

Vielleicht schaffe ich es ja jetzt auch, mich um mich zu kümmern. Über meinen kleinen Bruder haben wir immer gescherzt, dass er sich nur spürt, wenn er Geräusche macht. Ich habe das Gefühl, ich habe mich selbst seit Monaten nicht mehr gespürt. Ging irgendwie absolut in einem Rausch aus wissenschaftlichen Texten, Powerpointpräsentationen, Serien und YouTube-Videos unter. Früher habe ich so viel gelesen. Als Schülerin hätte ich mich jederzeit als Bücherwurm bezeichnet, ich hatte sogar mal vor eine Karriere in der Filmproduktion einzuschlagen. Vor meinem Urlaub waren es zwei Jahre seitdem ich das letzte Mal ein Buch zuende gelesen habe. Außerdem gucke ich fast grundsätzlich keine Filme mehr, von denen ich auch nur ahne, dass sie mit emotional erschüttern könnten. Dann halt lieber was lustiges, oder etwas, was man schon kennt. Ich möchte mal wieder nach der 16-jährigen in mir suchen. Die war irgendwie cool drauf, frage mich, was sie inzwischen so macht.

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Zudem möchte ich mich in meiner Hülle wieder gut fühlen. Ich frage mich immer öfter, warum zur Hölle ich mich vor 3-4 Jahren in meinem Körper schon nicht wohl fühlte. Klar, ich war nicht mehr so dürr wie mit 16, aber rückblickend sah ich klasse aus. Im Moment wiege ich so viel wie noch nie. Okay, das ist jetzt auch nicht mega viel. Aber definitiv 5 KIlo über meinem Wohlfühlgewicht. Auf der Fitness-Website, die mich jetzt durch ein Sportprogramm coacht, sagt mit mein BMI ich sei übergewichtig. Dazu sage ich mal klar und deutlich BULLSHIT. Trotzdem gibt’s jetzt für mich mal so’n knaller Trainingsprogramm. Es geht nämlich nicht nur ums Gewicht. Es geht schlicht und einfach darum, dass meine Hosen wieder passen sollen. Dass ich keine Rückenschmerzen mehr bekomme, wenn ich Stress habe oder lange stehe oder lange sitze oder lange bin. Dass ich wieder zwei Stockwerke Treppen laufen kann, ohne Schnappatmung zu bekommen. Ob ich es schaffe meinem Schweinehund mal deluxe in die Eier zu treten? Mal schauen.

2016 kann noch was. Ich habe schon das erste Weihnachtsgeschenk besorgt. Im Oktober beginnt ein neues Semester, Master-Semester Nummer 3, Hochschulsemester Nummer  fucking 11. (Musste erstmal nachzählen.) Die Seminare versprechen mal wieder ausgesprochen arbeitsaufwändig zu werden. Anfang November geht’s zum schönsten Alte-Leute-Festival, dem Rolling Stone Weekender. Dezember ist mein liebster Monat. Ich habe Geburtstag, es ist Weihnachten, es ist das BESTE. Ich liebe die Weihnachtszeit, weil sie so glücklich und traurig gleichzeitig macht und man so schön viel fühlt. Happy sad ist man dann. Wie in der Liebe, wie ich neulich in einem meiner neuesten Lieblingsfilme gelernt habe.

Raphina: Your problem is that you’re not happy being sad. But that’s what love is, Cosmo. Happy sad. (Sing Street)

 

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Meine Hoffnung für den Dezember ist, dass ich ihn mehr genießen kann, als die letzten beiden Jahre. Da war’s schwierig, aus ungefähr allen Gründen, die es gibt. Dass ich vielleicht schon wieder in eine alte Hose rein passe. Dass ich wieder lese, auch wenn ich für die Uni schon viel lesen muss. Dass ich mich mal wieder traue, Filme zu gucken, die mich fordern. Dass ich mich mehr freuen kann, auf das was kommt, und mich nicht mehr so stressen lasse. Ich muss mal chillen. Echt.

(Eventuell könnte dieser Text etwas dramatischer zu lesen sein, als ursprünglich intendiert. Das liegt glaube ich an der musikalischen Begleitung, die ich beim Schreiben hatte. Gerade singt mir Regina Spektor “All The Rowboats” ins Ohr, und ihre Songs sind so intensiv, da denkt man gleich ein bisschen intensiver über’s Leben nach, als sonst.)

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