Oktobertage

Ich habe heute frei. In der Wohnung ist es kalt. Gerade erst hat es begonnen draußen herbstlich zu werden, und wir haben die Heizung noch nicht wieder angestellt. In der Küche zieht mein Tee. Waldmeister-Himbeere. Riecht pervers nach Wackelpudding, aber ist als Tee überraschend schmackhaft.

Ich stehe am Fenster und blicke nach unten auf die Straße. Noch versperren grüne Blätter an den Bäumen einen Großteil des Blicks, aber die braunen Blätter auf dem Boden versprechen bald wieder freie Sicht nach unten auf den Bürgersteig. Wir wohnen ganz oben im Haus, im 6. und 7. Stock, somit genießen wir stets beste Sicht über unsere Ecke Winterhudes.

imag5988Die Anlage klimpert und trötet eine meiner liebsten Spotify-Playlists: Jazz for Autumn. Passt wie vom Titel versprochen wunderbar zur Jahreszeit. Zu einem Tag, an dem man für ein paar Stunden alleine zuhause ist, und den man mit Staubsaugen, Lesen und Tee trinken verbringt. Es fehlen noch 100 Seiten in “Harry Potter and the Goblet of Fire”, das nächste Kapitel heißt The Third Task. Es verspricht, spannend zu werden.

Ich lehne an der Fensterbank und die Heizung an meinem Bein ist kalt. Meine Füße sind auch ziemlich kühl, aber irgendwie genieße ich das. Die paar hochsommerlichen Tage, die Hamburg abbekommen hat, haben mir definitiv gereicht. Ich kann Hitze nicht ausstehen, ich trage zur Zeit nicht gerne Tops, Röcke oder kurze Hosen – so oder so kann man irgendwann keine Klamotten mehr ausziehen ohne ein öffentliches Ärgernis zu sein. Da bevorzuge ich die kalten Tage – Layering, wie es in Modemagazinen so schön heißt, kann ich. Trotzdem empfinde ich Freude, endlich mal wieder kalte Füße und Hände zu haben. Ich werde es noch etwas auskosten, bevor ich meine dicken Socken ausbuddle.

Unten an der Straße ist eine Wäscherei. In dem Leuchtschild ist seit Monaten eine Lampe kaputt, sie blinkt unaufhörlich. Warum wird die eigentlich nicht repariert? Wahrscheinlich fehlt auch im edlen Winterhude solchen kleinen Läden das Geld für Schönheitsreparaturen. Der PC-Shop ein Haus weiter hat die Rollläden geschlossen. Der Anblick der verlassenen Straße lässt zusammen mit der Jazzmusik die Zeit gefrieren.

Ich hole meinen Tee. Die Dinge in meiner Wohnung werfen nur einen schummrigen, undefinierten Schatten. Es ist später Nachmittag an einem Oktobertag und die Sonne wird von ein paar Wolken gebrochen. Bald beginnt das neue Semester und dann wird der Monat eine schnellere Gangart einlegen. Bevor es soweit ist, werde ich aber meinen Tee trinken, Harry Potter bei seinem Kampf gegen Voldemort begleiten, und den Sonnenuntergang angucken. Ganz schön romantisch.

Als ich auf meinem Sessel Platz nehme und meine geliebte “Oma-Position” einnehme, mit der Decke über den Beinen und dem Tee wärmend in den Händen, merke ich, dass ich ziemlich glücklich bin.

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