FRIENDCRUSH: fionas fickle fictions

Vorwort
Der geneigte Leser weiß, dass einer meiner langfristigen Lebensträume ist, ein Buch zu schreiben. Da von nichts nichts kommt, versuche ich mal, eine kleine Reihe an fiktionalen Geschichtchen auf meinem Blog unterzubringen, zu finden unter ‚fionas fickle fictions‘.


Der deutschen Sprache wird nachgesagt, dass sie ausgesprochen präzise bestimmte Sachverhalte benennen kann. Dank ihrer Eigenschaft, einfach unendlich viele Begriffe aneinander reihen zu können, haben wir die Möglichkeit, exakt Dinge zu benennen, ohne Missverständnisse. Manchmal denke ich darüber nach, ob manches nur real zu sein scheint, weil wir ein Wort dafür haben, um es bezeichnen können.

Ich sitze auf Karls Sofa und surfe auf Tumblr. Seine Berliner Altbauwohnung selbst wäre toll geeignet, um damit künstlerische und beneidenswerte Accounts auf Social Media zu füllen. Minimalistisch und stilsicher in einem Mix aus alten Möbeln aus den sechziger Jahren und Ikea eingerichtet (man glaubt ja erstmal kaum, dass so etwas zusammen passt) ist seine Wohnung absolute #apartmentgoals.

Sonnenlicht scheint durch das große Südfenster und auf meine Füße, die ich auf der Sofakante abgestellt habe. Im Licht sieht mal den Staub in der Luft wirbeln. Das fand ich immer schon total herrlich und beruhigend.

Nicht beruhigend ist die Stimme aus dem Radio. Die erzählt gerade wieder etwas von Trump.

„Karl, bist du langsam fertig??“, drängle ich, gehe zum Radio herüber und mache es aus.

„Heeeee, ich wollte das hören!“, schallt es aus dem Bad.

„Is mir egal, ich halte das nicht mehr aus“, grummle ich laut ins Bad rüber und setze mich wieder.

Meine Kaffeetasse hat unschöne Ränder auf dem schlichten runden Glastisch hinterlassen. Daneben liegen Untersetzer. Im Bad plätschert es. Ich kann verstehen, warum Karl die Wohnung so liebt, denke ich, und beobachte eine Amsel auf dem Balkon. Aber der Wasserdruck ist unmöglich. Man bekommt kaum den Duschschaum vom Körper, weil aus der Dusche nur so drei Tropfen rauskommen. Für mich wäre das so ein harter Stimmungskiller, dass ich hier nicht wohnen könnte. Mir muss der Wasserstrahl den Körper massieren, ansonsten reicht es nicht. Bei jeder Wohnungsbesichtigung gehe ich zuerst ins Bad.

Ich kenne Karl seit 5 Jahren. Zwischendurch hatten wir mal mehr und mal weniger Kontakt, aber es hat immer gepasst zwischen uns. Zu manchen Leuten hat mal eben einen guten Draht, und du kommst nicht umhin, sie zu lieben. Aber eben nicht so die Liebe-Liebe. So die Liebe wie du sie zu deiner besten Freundin hast oder zu deinem besten Freund oder zu deinem Geschwistern.

Das hat dann vor allem einmal den Effekt, dass du der Person auch körperlich nahe sein willst, als auch, dass du einfach alles geben würdest, um mit ihr befreundet zu sein. Ein Friendcrush eben. Weil du diesen Menschen irgendwie eben liebst.

Das ist Karl für mich. Neulich sagte ein bekannter zu mir, dass ich das nicht bringen kann, weil Karl vergeben ist.

Karl kommt aus dem Bad und motzt.

„Was?“, frag ich.

„Vollidioten sagen was?!“, schimpft Karl.

Ich unterdrücke den Impuls ihn zu korrigieren und ihm mitzuteilen, dass er das sagen muss bevor ich „was“ sage.

„Der Duschvorhang war nicht richtig zu und ich hab’s nicht gemerkt. Der ganze verfickte Boden ist nass.“

Wie zum Henker die drei Tropfen den ganzen Boden nass machen sollen ist mir nicht klar. Ich sage Karl das, und dass er sich nicht so anstellen soll.

Karl grummelt unverständliches und watschelt ins Schlafzimmer.

In der deutschen Sprache gibt es kein gutes Wort für den Friendcrush. Für das Gefühl, in jemanden verknallt zu sein, aber nur als Freund. Für das Bedürfnis, mit jemandem Zeit  zu verbringen, aber nur als Freund. Und niemand glaubt mir, dass das funktioniert, dabei machen Karl und ich das seit Jahren schon sehr gut. Obwohl unsere Sprache so präzise sein und Missverständnisse ausräumen soll, müssen wir auf eine andere ausweichen. Beknackt ist das.

Ich beschließe noch ein bisschen Druck zu machen.

„Ich pack schon mal meinen Kram ein!“, rufe ich und nehme mein Buch vom Beistelltisch (eine handliche, studierendenfreundliche Zusammenfassung von Marx‘ Kapital) und die DVD, die ich vorhin gekauft und dann Karl gezeigt habe. Ich hasse mich ein bisschen.

Karl springt auf einem Bein aus seinem Zimmer, während er versucht, sich eine Socke anzuziehen. „Bin soweit“, mault er.

„Was ist bei dir eigentlich los? Du bist voll komisch drauf heute“, stelle ich fragend fest.

„Hast du das noch nicht mitbekommen? Ich dachte der Buschfunk hätte schon seinen Dienst getan…“, sagt Karl und zieht sich die Mütze auf, die ihm so gut steht: „Ich bin wieder Single. Gehen wir?“

Mein Herz hüpft und setzt einen Schlag aus. Dann wird es mir ganz wohlig warm in der Brust.

Huch.

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