Wie wir zu leben haben

Gerade eben klickte ein entfernter Facebookbekannter auf „Gefällt mir“ bei einem Text, den ich 2012 ganz oldschool als Notiz in eben jedem Netzwerk hochgeladen habe. Ich bin den Text gerade nochmal durchgegangen, und fand ihn irgendwie immer noch ganz gut. Vor allem aber, immer noch irgendwie wahr. Hier also roh und uneditiert meine 2012er Gedanken übers jung-sein.

Wir müssen uns um unsere Zukunft kümmern, jede Aus-, Fort- und Weiterbildung mitmachen, uns jedes Zertifikat und jedes Praktikum holen an das wir herankommen, neben der Uni schonmal für den späteren Beruf arbeiten, sonst sind wir praktisch schon arbeitslos. In unserem Traumberuf haben wir eh keine Chance, also was tun, irgendwas sicheres, etwas, dass man immer braucht.

Wir müssen fleißig sein. Uns Ziele setzen, darauf hinarbeiten, konsequent und ohne Leistungseinbrüche. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Andererseits… Es gibt doch eh weder Arbeits-, noch Studien- und Ausbildungsplätze…

Wir müssen ordentlich und geplant sein. Termine eintragen. Kino. Arbeit. Frisör. Hausarbeit. Theater. Referate. Hausaufgaben. Der Partner. Und, verdammt, mal wieder das Treffen mit den Freundinnen verplant. Die Wohnung muss aufgeräumt werden, dringend, sieht ja aus wie ein Saustall. An so einem Schreibtisch kann man ja nicht arbeiten. Spontanes Meeting mit einer 3-Monate-alten Chipstüte unter dem Bett.

Wir müssen gesund leben, Cola und so ein süßes Zeug sind ja so schlecht für die Zähne, und Orangensaft erst, nein, am besten man trinkt Wasser. Fünf Portionen Obst am Tag, ausgewogen ernähren. McDonalds, macht ja bloß ganze Generationen fett. Oh, perfekte Überleitung, denn…

Wir müssen gut aussehen. Hier ein dürres Model, das uns aus der Werbung für die elektrische Zahnbürste mit der tollen neuen Zahnreinigungstechnologie angrinst. Dort ein Kerl mit Sixpack auf der nächsten Werbetafel, der kleine Mädchen glauben lässt, sie müssen auf einen Kerl warten, der genauso aussieht wie dieser. Unter dieses Niveau begibt man sich nicht, aber um SO einen Typen zu bekommen müssen sie auf jeden Fall die Zahnbürste aus der Werbung kaufen.

Wir müssen moderne neue Klamotten tragen. Jeans – 70€. Cardigan – 30€. BH – 50€. Highheels – 178€. Ultramodernes Glitzertop – 25€. Lederjacke mit superschicken Nieten – 80€. Superangesagt. DER Trend. Und wenn Sie ihr ganzes Vermögen für den Scheiß auf den Kopf hauen, dann bekommen Sie das kleine chinesische Kind, das diese Kleidungsstücke allein genäht hat, gratis mit dazu.

Wir müssen Sport machen. Selbstverständlich mindestens einmal die Woche, am besten 2-3 Mal, und wer wirklich was auf sich hält, geht sogar ins Fitnessstudio neben dem Teamsport, den man zwei Mal pro Woche hat, plus das Spiel. Wer durchtrainiert ist, lebt länger, fühlt sich gut, ist generell leistungsfähiger. Ohne Sport werden wir nie aussehen wie das Zahnpastamodel.

Wir müssen umweltbewusst sein. Es ist ja alles sinnvoll. Sparlampen, Wasserhahn nicht laufen lassen, nur ganz kurz duschen, nicht viel Auto fahren, keine Kühe essen, Mülltrennung, sauberer Strom… Ähm. Aber waren die Sparlampen jetzt gegen den Klimawandel? Und die Mülltrennung gegen Ozonlöcher?  Gegen was demonstrieren wir heute nochmal?

Wir müssen nett sein. Ehrlichkeit, Authentizität, Offenheit, konstruktive Kritik sind nicht angesagt. Alles Beleidigungen und Angriffe, alles persönlich gemeint. Nett sein, nicht anecken. Aber über Leichen gehen, wenn es um die Karriere geht. Heimlich. Der schlimme Arbeitsmarkt.

Wir müssen die richtigen Kontakte haben. Es ist wie in den amerikanischen Filmen über die High-School. Cheerleader & Footballer, Freaks & Nerds. Sag mir deine Clique und ich sag dir deine Zukunft. Connections, Vitamin B. Wichtig.

Wir müssen autofahren. Vorsichtig. Denn wir sind Fahranfänger und können nicht wissen, dass wir mit bestimmten Dingen noch nicht so viel Erfahrung haben. Ich wäre neulich glatt auf der beschneiten Landstraße 120 km/h gefahren. Woher soll ich es denn wissen.

Wir müssen Partys machen. Gehört ja zum guten Ruf. Der? Wer ist das? Den hab ich ja noch nie gesehen? An unserer Schule? An unserer Uni? Kann nicht sein. Ich hab den doch noch nie auf der Party gesehen! DU bist nicht da, du bist eine Null und ein Langweiler. Keiner will mit dir was zu tun haben. Cool ist, wer Party macht und sich dicht säuft. Wie soll man ohne Party Leute kennen lernen? Connections, Alter!

Wir müssen korrektes Deutsch reden. Wir, die jungen Leute, sind ja eh völlig verdummt, dämlich ohne Ende, unfähig, und richtiges Deutsch reden wir auch nicht mehr, Grammatik ist uns fremd. Schade, „weil wegen dem schlechten Deutsch keinen Job bekommen ist ja doof.“

Wir müssen eine Meinung haben, eine eigene ist sogar erlaubt, aber nur beschränkt. Wer sich zu sehr durch selbst erdachte Theorien in den Vordergrund zu drängen scheint, ohne die Linie der allgemeinen im Umfeld anerkannten Meinung zu haben, hat verloren. Alle reden auf einen ein, selbst wenn man die besseren Argumente hätte, nein, lieber einstecken und schweigen. Man will ja nur seine Ruhe haben.

Und wenn wir nicht so sind, wie man es uns sagt, haben wir komplett, sagen wir es einfach direkt, so wie es ist, verschissen. Fürs Leben gezeichnet, kein Beruf, keine Familie, keine Liebe, nichts, verloren bis ans Ende unserer Tage, ins Verderben gestürzt. Alle sagen, man soll so sein, daran kann dann ja nichts falsch sein…

„Ich frag mich das schon lange, wer ist eigentlich „alle“?“
„Na die anderen“
„Und wer sind die anderen?“
„Na, die unschlagbare kollektive Masse.“
„Und wer sagt das wir auf sie hören müssen?“
„Na die natürlich!“

(aus: Elizabethtown)

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Alixy sagt:

    PERFEKT!
    Auch wenn der Text von 2012 ist, ist er noch immer brandaktuell, große Klasse. Du hast deine Kritik wirklich super verpackt. Mein persönliches „i-Tüpfelchen“ ist die Tatsache, dass du den Text mit „Zwänge“ getaggt hast – passt!
    Da kann man nur hoffen, dass man reflektiert und selbstsicher genug ist, um diesen Zwängen zu entkommen.

    Ganz liebe Grüße
    Alixy

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