Baby Melancholie und die Gelassenheit

Ich habe vor einigen Tagen in meiner von Spotify generierten 2016er-Playlist zum tausendsten Mal in meinem Leben den Song Baby Melancholie von der Hansen Band gehört und habe mal wieder überlegt, mir ein Tattoo stechen zu lassen. Es gab eine Zeit in meinen Teenagerjahren in der mir das Album der fiktiven Hansen Band alles bedeutet hat. Ich BIN Baby Melancholie! Und das obwohl ich mir bis heute aus einem langen Stück der Lyrics keinen Reim machen kann. Aber ist das nicht auch total symptomatisch für das Leben an sich?

tumblr_o85ic9vyw31ulnn00o1_500Songtexttattoos sind natürlich schrecklich. Stell dir vor, du tätowierst dir Lyrics, und 15 Jahre später wird aus deinem Star von einst ein pädophiler Irrer, oder Reichsbürger, oder sie offenbart, dass sie CDU wählt.


Was macht eigentlich Baby Melancholie mit einer Überdosis Zeit? Meistens, und das ist schon so, solange ich denken kann – denke ich nach. Zu schaffen machen mir da klassisch neben (damals) Schul- und (jetzt) Unistress vor allem persönliche Beziehungen. Ob nun in meiner Beziehung, oder zu Freunden, aber auch mit Fremden, oder Kollegen. Das Internet benutzt ja gerne den Begriff “socially awkward” und so fühle ich mich dann. Hab ich was Doofes gesagt oder getan? Mir fehlt die Gelassenheit, es hinzunehmen, dass man – egal wie routiniert man im Umgang mit anderen ist – immer mal Sachen sagt, die blöd sind. Ich überdenke meine Beziehungen so lange, dass ich Gefahr laufe, sie denkend zu ruinieren. Es fehlt mir die Gelassenheit, Dinge zu akzeptieren. Es fehlt mir die Gelassenheit, Dinge zu tun, ohne vorher lange darüber nachgedacht zu haben. Es fehlt mir die Gelassenheit, einfach mal zu entscheiden, ob ich etwas akzeptieren kann oder sofort etwas dagegen zu tun.

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Insgeheim finde ich Tattoos ziemlich gut. Ich finde Leute bewundernswert, die sich trauen, sich mit etwas anmalen zu lassen, was das gesamte Leben
dort bleiben wird. Ungeachtet der Tatsache, dass es vielleicht irgendwann nicht mehr deinem Geschmack
oder irgendwelchen Trends entspricht. Wäre ich jemals gelassen genug, zu akzeptieren, dass Leute mein Songtexttattoo scheiße finden? Und dass es mir in 10 Jahren nicht mehr gefällt, weil es nun halt ein Teil von mir ist? Halt wie meine Nase?

Wahrscheinlich ist es so, dass die Gelassenheit erst kommt, wenn man akzeptiert hat, nicht gelassen zu sein. Wenn ich mich nicht mehr gräme, dass ich nicht entspannt und gelassen bin, sondern meine Sorgen akzeptiere und sie genüsslich durchdenke. Und mich nicht ärgere, dass mich bestimmte Themen beschäftigen, und dann eben drüber reden. Dann kann ich ja eigentlich gelassen sein, oder? Und dann lass’ ich mir ein Tattoo stechen.

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