Ich will dein Quinoa nicht mehr sehen

Bewegen wir uns für einen Moment heraus aus der Grauzone und in das Minenfeld der Verallgemeinerung und gehen davon aus, dass es genau zwei Arten von Social Media Usern gibt.

  1.  Die „Mein Leben ist der Wahnsinn und ich bin erfolgreich, gesund und gutaussehend und ich teile es auf Social Media, um andere zu inspirieren (und auch weil ich es geil finde)“-Person
  2. Die „Mein Leben ist eigentlich allerhöhstens Mittelmaß und ich esse gerne mal Pizza, bin ein bisschen merkwürdig und mein Körper ist nicht perfekt und ich teile es auf Social Media, um anderen zu zeigen, dass sie nicht allein sind (und auch weil ich es geil finde)“-Person

Ich persönlich bin wahrscheinlich einer der vielen Hybride (ja okay, die gibt es ebenfalls, und damit wären es drei Typen, aber das kann ich so jetzt nicht schreiben, weil es mein Argument und die Dynamik dieses Textes untergräbt, also Ruhe).

The Simpsons homer simpson season 3 maggie simpson episode 12

Ich teile gerne die ganz besonderen Momente in meinem Leben – das wären in meiner Instagram-Karriere zum Beispiel meine Zeit in London, die Reise nach New York, Museumsbesuche, Festivals und Konzerte, mein Studienabschluss, Selfies mit tollem Make-Up, mein langjähriger Freund, meine neue Wohnung in Winterhude, Sonnenuntergänge an der Alster und das Sonnen im Stadtpark gewesen. Diese Posts zeigen, dass ich wahnsinnig tolle Reisen und Praktika mache, gebildet und sowohl in der klassischen Kunst als auch popkulturell bewandert und interessiert bin, eine erfolgreiche Beziehung führe, mir eine Wohnung in top Lage leisten kann und gerne draußen in der Sonne abhänge.

Daneben gibt es die andere (und eigentlich viel dominantere) Seite von mir: Katzenfotos noch und nöcher, das tausendste Foto vom Sonnenuntergang aus dem Fenster meiner Wohnung, ungeschminkte Selfies mit Kaffeetasse beim Lernen, noch mehr Katzenfotos, Häuser an denen ich auf dem Weg zur Uni oder zur Arbeit vorbeilaufe und die irgendwie cool sind, und ein Haufen random stuff den ich aus unerfindlichen Gründen für relevant befunden habe. Diese Posts zeigen, dass ich eigentlich ein drinnen-Kind bin, keine aufwändig zubereiteten Quinoa-Obst-Schüsseln zum Frühstück esse, zu viel Kaffee trinke, nicht allzu häufig Sport mache, meine Katzen mein Ein-und-Alles sind und ich zurecht „Crazy Cat Lady“ getauft werden darf, und die meiste Zeit eigentlich irgendwie Mitleid mit mir habe weil gerade mal wieder alles nervt.

 

cat kitten surprised

Meine Social Media Profile geben glaube ich ganz schön beide Seiten des Lebens wieder. Und dann gibt es halt die zwei (ja! Zwei!) Arten von Social Media Usern.

Typ 1 hat ein gelecktes Instagramprofil. Diese Person ist laut Beschreibung vielleicht „Fitness-Freak“ oder führt einen Blog über „Beauty | Fashion | Lifestyle“. Sie treibt regelmäßig Sport und teilt dies mit Fotos ihrer Sportschuhe, oder des Sportoutfits, oder des anschließenden Proteindrinks. Außerdem gibt es regelmäßig Ganzkörperselfies im Spiegel, in denen man nicht nur erkennen kann, wie viele umwerfende angesagte Klamotten im Schrank hängen, sondern auch wie unfehlbar ihr Geschmack ist. Die beruflichen Erfolge werden auch stets mitgeteilt: wieder ein Artikel hier erschienen, einen Job bei dieser super Firma bekommen, und der Blog hat jetzt 100,000 Follower. Als Bonus sieht man die durchtrainierten Oberschenkel und Abs. Vor ein paar Wochen wurde außerdem ein Bild mit einer Verlobungsankündigung gepostet – sie sind jetzt 2 1/2 Jahre zusammen und ENDLICH SIND SIE VERLOBT, die Hochzeit ist dann in 6 Monaten, mitten im Sommer – So. Ein. Traum. Dass die beiden es ernst meinen ist schon länger klar, immerhin leben sie zusammen und haben sich einen Hund angeschafft. Im Urlaub ging es auf diese Insel mit weißen Stränden und türkisem Wasser.

 

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Typ 2 findet man weniger in den bildlastigen Sozialen Medien und mehr auf Facebook und Twitter. Twitter ist es der Mülleimer aller Gedanken und da dort (aus Gründen?) tendenziell weniger deiner Leute unterwegs sind kannst du dort deinem Frust, deiner Merkwürdigkeit und deinem Selbstmitleid freien Lauf lassen. Diese Person ist gerade mal wieder richtig schlimm krank – dabei hat sie doch noch so viel Arbeit liegen! Aber was soll’s – man hat ja eh wieder zu hart prokrastiniert, sodass die Deadline einen sowieso schon wieder so richtig durchnimmt. Fml. Es werden dann die weniger beeindruckenden Fotos geteilt, zum Beispiel von dem schlimmen Mückenstich, dem verunglückten Backversuch, oder dem eingelaufenen Pullover. Ach, und Katzen natürlich. Der Stolz eine Katzenperson zu sein wird regelmäßig mit Fotos und Comicstrips von angesagten ZeichnerInnen geteilt. Um das ganze abzurunden läuft einfach so generell gerade alles einfach schlecht, ich meine Trump? Brexit? IS? 2016, was ist los?? Als Anekdoten zwischendurch werden die kurzen, knackigen Geschichten eingeworfen, von den Momenten in denen man sich (mal wieder) vor fremden Menschen ganz schlimm zum Horst gemacht hat (#awkward)

 

fml finger guns movies scott pilgrim kim pine

Ich bekomme sehr viel mit auf vielen verschiedenen Kanälen und von vielen verschiedenen Menschen, ob das nun Internet-Persönlichkeiten oder Leute aus meinem realen Leben sind. Dabei habe ich zunehmend das Gefühl, dass diese zwei Arten von Social Media Usern einen eklatant negativen Effekt auf mich haben.

Typ 1 folge ich eigentlich, weil ich es als inspirierend empfinde die Erfolge anderer Leute mitzubekommen. Hinter vielen dieser beeindruckenden Fotos oder Einträgen steht harte Arbeit und Hingabe, die einem zeigen, was man alles schaffen kann wenn man sich bemüht, und sowieso sollte man die schönen Momente des Lebens feiern können, als gäbe es kein Morgen mehr. Auch aus rein ästhetischen Gründen ist es nett, Fotos von Sandstränden im Feed zu sehen. Einmal kurz wegträumen aus dem grauen Hamburg, herrlich. Typ 2 folge ist, weil es immer gut tut zu sehen, dass man nicht alleine doof ist. Dass Jammern zwischendurch auch mal sein muss und dass man nicht die einzige ist, die den ganzen Tag zuhause sitzt und auf die nächsten Deadlines hinfiebert. Und manchmal ist die Welt halt auch scheiße, und dann liest man gerne die Meinung von gleichgesinnten. Und ich meine, Katzenfotos, OK?

Dennoch: Ich bin ein neidisches Stück. Ich sehe all die Dinge, die ich nicht habe oder gerade nicht tun kann und bin frustriert. Außerdem halte ich Personen von Typ 1 wirklich für (zumindest teilweise) arrogante, oberflächliche, materialistische Schweine, die ihr Glück nur an dem Bild messen können, dass sie nach außen präsentieren, und die andere Personen nach eben diesen Kriterien beurteilen. Du bist das fünfte Mal dieses Jahr im Urlaub und maulst rum, dass du schon wieder Koffer packen musst? Sorry, nein, hör auf. Ich bemitleide eigentlich Menschen, die Koffer packen müssen, weil ich es selbst für ausgesprochen furchtbar halte, aber wenn im gleichen Satz erwähnt wird, dass es bereits der fünfte Trip in sechs Monaten ist, dann halte ich das für einen wohlplatzierten Humblebrag. Außerdem bin ich dann natürlich wieder neidisch und empfinde mein Leben als unbefriedigend.

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Aber ich bin eigentlich kein negativer Mensch. Ich bin trotz viel Grübelei durchweicht von Optimismus und Hoffnung und kann selten meine schlechte Laune kultivieren wenn ich von fröhlichen Menschen umgeben bin – auch wenn ich gerne jammere und motze. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn Personen konstant negativ und pessimistisch und ängstlich durch ihr Leben gehen und alles bloß schwarz sehen können. Ich möchte diese Leute schütteln und ihnen „DAS LEBEN IST SCHÖN!“ ins Gesicht schreien bis sie es verstanden haben. Ja, Arbeit nervt und zuhause ist es doch am besten, aber guck doch endlich mal über deinen Horizont hinaus, leg deine Kuscheldecke weg und blick nach vorne. Da kommen noch so viele wundervolle Dinge. Doch jedes Mal wenn ich mich durch die Social Media Einträge dieser Menschen scrolle, dann macht ein kleines freies Radikal in meinem Kopf ein weiteres Licht aus.

Am Ende ist es so, dass Typ 1 auf mich persönlich eine viel zerstörerischere Wirkung hat als Typ 2. Denn, wie erwähnt, ist mein Optimismus und meine Hoffnung und mein Glaube an die Menschheit ziemlich unerschütterlich. Irgendwie schaffe ich es doch immer wieder aus meinem Loch heraus und freue mich über all die kleinen Dinge die die Welt so großartig machen. Außerdem bin ich mir all der Aspekte meines Lebens bewusst, über die ich glücklich sein kann. (Immerhin hat mir mein Freund, während ich diesen Text geschrieben habe, ein Schokoldeneis aus der Eisdiele mitgebracht – ich glaube das Leben war nie besser.) Aber ich habe ein wahnsinniges Problem im Umgang mit den Dingen, die ich nicht habe, und oft auch damit, wie mein Leben so läuft oder wie ich aussehe. Ständig diese (augenscheinlich) perfekten Menschen mit ihren perfekten Leben unter die Nase gerieben zu bekommen, inspiriert mich nicht mehr. Sie machen mir ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht viel Sport mache, weil ich nicht mehr in Größe 38 passe, weil ich nicht gesund koche, weil ich nichts von der Welt sehe… Herrje klingt das traurig und frustriert.

Ich will nicht Typ 2 sein. Ich will gerne weiterhin ich sein, und mich mit Dingen umgeben, die mir dabei helfen, meine bestmögliche Version zu sein. Das verstehen die meisten Menschen sehr gut, wenn es um das reale Leben geht: man distanziert sich von Leuten, die einem nicht gut tun, oder wechselt den Job, wenn man unzufrieden ist. In Social Media bombardieren wir uns letztendlich selbst mit Bildern und Texten, die dir nicht weiterhelfen, die nicht konstruktiv sind, sondern in höchstem Maß destruktiv.

inspiration

Deswegen habe ich aufgeräumt, bei beiden Typen. Ich folge für die Inspiration etwas gesünder zu leben und fitter zu werden BloggerInnen, die zwar zu einem solchen Leben anregen, aber nicht immer nur Quinoa fressen und eher meine Kleidergröße tragen. Für die Relatability folge ich Menschen, die pointiert und witzig unsere kleinen Spackigkeiten kommentieren. Und wenn ich mich über die unerfreulichen Geschehnisse in der Welt informiere, suche ich mir Quellen, die zusammen ein neutrales Bild der Situation ergeben oder konstruktiv erklären, was ich eigentlich nun tun kann, damit alles weniger scheiße ist.

Social Media birgt so viele Möglichkeiten, ich finde es so faszinierend und ich liebe es so sehr, aber ich muss immer noch lernen, wie ich es am gesündesten und produktivsten nutzen kann. Es geht mir nicht darum, alles Schlechte und Schlimme einfach zu deabonnieren und zu ignorieren. Ich habe kein Interesse daran auf einem Ponyhof zu leben. Aber ich möchte alle Energien, positive wie negative, für mich nutzbar machen – und das geht nicht indem ich Social Media Usern von Typ 1 oder 2 folge.

 

Bob's Burgers happy excited yay joy

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